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Ich bin die älteste Tochter eines pummeligen Vaters und einer normalgewichtigen Mutter. Bei der Geburt wog ich mehr als 4 kg, war über 50 cm lang und erschien nach den Worten meiner Mutter „wie eine doppelte Portion, verglichen mit den übrigen Babies auf der Säuglingsstation“. Gefüttert wurde ich nach Plan und nicht nach meinen Bedürfnissen. Trotzdem gedieh ich prächtig, was mir von klein auf trotz meiner Proteste eine beleidigende Bezeichnung einbrachte: meine Mutter nannte mich ihr „Elefantenbaby“.

Als ich in die Schule kam, wurde ich schnell in der Klasse „die fette Wilhelmina“ und behielt diese und ähnliche Bezeichnungen auch im Gymnasium. Schließlich hatte ich dieses Bild so weit internalisiert, dass ich mich mit 13 Jahren zu meiner ersten Abmagerungsdiät entschloss. Es war eine Mayo-Diät – eine Crashdiät mit harten Eiern, magerem Fleisch, Salat ohne Öl, gedünstetem Gemüse und Grapefruit.

Wenn ich mir heute meine Kinderbilder anschaue, frage ich mich, was mit meiner Familie und in der Schule los war. Wie kamen sie dazu, mich derart zu terrorisieren? Ich finde, dass ich völlig normal ausgesehen habe und als Kleinkind ausgesprochen süß war. Schaut nur mal das Bild mit meinen beiden Großmüttern an. Die einzige Hilfe, die ich bezüglich meines Äußeren vielleicht wirklich benötigt hätte, wäre eine Anleitung gewesen, wie man sich die Augenbrauen zupft. (Ich habe sie mir mit 13 nämlich in meiner Unwissenheit zunächst mit der Nagelschere geschnitten *ggg*. s. letztes Bild)

Nach der Mayo-Diät geriet mein Stoffwechsel in den Jojo-Effekt und ich versuchte, der weiteren Gewichtszunahme durch Punkte-Diät, Brigitte-Diät (mit 1000 kcal am Tag!), Hollywood Diät, Reisfasten, Obstfasten, Spirulina-Fasten und FDH zu Leibe zu rücken. Zugleich entwickelte ich eine ausgewachsene Essstörung, das (heute) so genannte Binge Eating Disorder, sodass ich schließlich zur Zeit meiner Matura die Schallmauer von 100 kg durchstieß.

Während der Rest meiner Klasse auf Maturareise fuhr, überwies mich unsere Hausärztin ins Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Graz, wo ich auf der Internen Abteilung unter Aufsicht eines Schilddrüsenspezialisten mit Reduktionsdiät und hormoneller(!) Medikation abnahm. Ich erhielt weder psychologische Unterstützung noch Möglichkeiten mich sportlich zu betätigen, war hungrig und gelangweilt und meine Gedanken drehten sich ständig ums Essen. Zwar hatte ich nach 6 Wochen 12 kg weniger, aber die waren sehr bald wieder drauf.

Später in Wien sprang ich noch auf den Lauftrend auf (Ulrich Strunz!), versuchte Low Fat, Zitronensaftdiät, Getreidediät, Fit for Life und erlitt mit allen Methoden Schiffbruch. Dabei hatte ich schon Anfang der 1980er Jahre Susie Orbachs revolutionäres „Anti-Diät-Buch“ (original „Fat is a Feminist Issue“) gelesen, das seiner Zeit und meiner Entwicklung weit voraus war. Ihr Ansatz, völlig auf die Bedürfnisse des Körpers zu vertrauen, wird erst jetzt ernst genommen und gewürdigt.

Die erste Wende kam, als ich mich wegen der Essstörung in Therapie begab. Langsam heilten die Wunden meiner Kindheit, sodass ich nach einem Jahr symptomfrei war, nach einem weiteren Jahr keine Depression mehr entwickelte und nach dem dritten Jahr wirklich stabilisiert war.

Die zweite Wende kam mit den Büchern von Michel Montignac und Nicolai Worm, bei denen mir klar wurde, dass Kalorie nicht Kalorie ist und ich zu den Menschen gehörte, deren Stoffwechsel schon ziemlich entgleist war.

Und die dritte Wende ist gerade im Gange. Von ihr möchte ich im Blog berichten.

Eure ladywilhelmina