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Liebe Leute,

manchmal ist es wirklich spannend sich ein Buch wieder herzunehmen, das einem vor Jahren bedeutend erschien. Im vorliegenden Fall schon vor einigen Jahrzehnten (seufz!).

Susie Orbachs „Anti-Diätbuch“ , original „Fat is a Feminist Issue“ (1978), erschien 1979 im Verlag Frauenoffensive. Wer sich an diese Zeit nicht erinnern kann: die Hippiezeit und der Deutsche Herbst waren gerade vorbei, die Zeitschrift „Emma“ genau zwei Jahre alt  und die ÖsterreicherInnen hatten soeben Zwentendorf zum sichersten AKW der Welt gemacht. 1975 hatten Österreichs Männer im neuen Familienrecht ihren Status als „Haupt der Familie“ und mit Pille und Fristenlösung ihre Herrschaft über die Fortpflanzung verloren. Die alte Gesellschaftsordnung schien zusammenzukrachen – und erwies sich als langlebiger als befürchtet. Ich ging jedenfalls 1979 nach Wien, nahm erstmals an diversen Studenten- und Frauendemos teil (bei denen zu meinem Bedauern keine BHs mehr verbrannt wurden) und entdeckte im Frauenbuchladen das druckfrische „Anti-Diätbuch“.

Bedenkt man die bis dahin vorherrschende Theorie, dass Übergewicht ganz einfach mit Willen und kaloriereduzierter Ernährung zu bekämpfen sei (Hallo Brigitte-Diät, Atkins-Diät, Mayo-Diät, Punkte-Diät……), so stellt Orbachs Ansatz eine revolutionäre Neuerung dar. Sie war die erste, die Frauen riet, in Ernährungsfragen auf die Bedürfnisse ihres Körper zu vertrauen.

Aus der Frauengesundheitsbewegung kommend, als ehemalige Esssüchtige in der Selbsthilfebewegung sozialisiert und als Psychotherapeutin beschreibt sie zunächst, was Dicksein und Schlanksein für Frauen bedeutet. Völlig neu waren dabei ihre Hinweise, dass Dicksein nicht nur Abwertung und Ablehnung, sondern auch Macht und Selbstbehauptung bedeuten können. Im Kapitel über Hunger und Essen zeigt sie Grundtypen des Essverhaltens und formuliert folgende Ewige Worte: “ Es geht hauptsächlich darum, dass du dir durch das Essen etwas Gutes tust……… Mach dir keine Sorgen über feste Mahlzeiten oder ausgewogene Gerichte. Wir halten nicht viel von den Vorstellungen über gute und schlechte Ernährung. Wir sind davon überzeugt, daß unser Körper uns mitteilen kann, was wir am besten essen, wann unsere Ernährung ausgewogen ist und wie wir abnehmen nönnen.“ (S. 102).  Amen, Schwester.

Im Kapitel über Selbsthilfe zeigt sie, wie frau eine Selbsthilfegruppe gründet, und gibt einige Beispiele für geführte Imaginationen, mithilfe derer frau die eigenen Leitmotive und Entfaltungsmöglichkeiten entdecken kann. Im Anschluss daran legt sie ihre zentrale These dar, dass weibliche Esssucht eine Reaktion auf die Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft sei. Leider tut sie das ausgerechnet am Beispiel der Anorexiea nervosa, was definitiv ins Auge geht. In einem Buch für übergewichtige Frauen ausgerechnet diese Hungerweltmeisterinnen zu behandeln! Tsts. Schließlich geht sie auf den Stand der medizinischen Forschung um 1975 ein, was für heute kaum mehr von Interesse ist.

Orbach hat dem „Anti-Diätbuch“ einen zweiten Band nachgeschossen, in dem  weitere Tipps und Übungen für die Umsetzung des intuitiven Ansatzes und geführte Imaginationen enthalten sind. Nach Fachpublikationen zur Psychoanalyse und Kolumnen für den „Guardian“ und andere Zeitungen erschien von ihr 2002 mit „On Eating“ (deutsch „Lob des Essens“, 2003), ein kurzgefasstes Handbuch für den/die NormalverbraucherIn ohne Fußnoten und wissenschaftliche Quellenangaben: ein Fünf-Schritte-Programm um vom emotionalen zum intuitiven Essen zu kommen.

Sie selbst hat mit der von ihr beschriebenen Methode abgespeckt und das Gewicht seither gehalten. Allerdings gibt es dabei ein großes Problem: wessen Körper schon von klein auf fehlgeprägt ist, den wird es noch lange nach den Substanzen gelüsten, an die er im Übermaß gewöhnt ist (Industriezucker, Salz, Fett). Da helfen auch keine Imaginationen, selbst wenn man sich die auf Band spricht und immer wieder abspielt.  Die erste Buchhälfte (= die Analysekapitel) sind aber auch heute noch lesenswert. Daher hebe ich mein Glas auf Susie Orbach, die Prinzessin Diana von ihrer Bulimie geheilt und uns normalen Mädels die  „Initiative für wahre Schönheit“ von Dove samt den schönen Fotos von Annie Leibovitz beschert hat.

Eure ladywilhelmina

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